Tanqueray & 7up by OJ Shrimpson

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Seine Shrimpigkeit ist back!

Lange hat der waschechte Brezelbub seine Anhängerschaft warten lassen, doch jetzt holt der
Speyrer OJ Shrimpson zum Slam Dunk aus und verarbeitet im Zuge eines akustischen
Schlachtfestes auf seinem neuen Mischband Tanqueray & 7up alle anderen MCs zu Metzelsupp‘ –
ganz nach meinem Geschmack.

Dabei merkt man dem Machwerk an, dass sich der Künstler Zeit gelassen hat, um seine Gefühlswelt
authentisch in die sechs Tracks zu packen. In einem akustische Shrimpwalk fürs Gehör springt der
Interpret elegant über den Takt der laid-back Instrumentals. Dabei werden Erinnerungen an die gute
alte Zeit geweckt, als sich die Buben auf dem Schulhof noch zu 8 Mile-Tracks dissten, fernab von
hochgepitchten und glatt geschliffenen Vocals im Nafri-Trapp-Style. Generell gefällt das Tape durch
seine erfrischende Autotunelosigkeit – auch hier beweist der Künstler einmal mehr Weitsicht wie
Carl-Zeiss.

Richtet man die Aufmerksamkeit auf die Songtexte, so überrascht, wie deutlich autobiografisch der
Künstler arbeitet. Musik, die darstellen kann und darstellen soll, wo sie herkommt: direkt aus der
maritim-pfälzischen Haute Cuisine des Hip-Hop. Das kulinarische Thema des Albums kommt
insbesondere im Track „Melted Butter & Aunt Jemima“ am deutlichsten zum Tragen. Egal, ob
der Shrimp auf Elons Schiff versucht den Planeten zu verlassen, um in Ruhe seine heißgeliebten
Baecon-Chips zu knabbern oder mehr „Kinderpinguine als ein Inuit mit Munchies“ zu verspeisen:
Überall darf die Crowd der akustischen Fressattacke hautnah beiwohnen. Doch auch nachdenkliche Töne prägen das Mixtape. Wirkmächtig hält der Shrimp den Spiegel vor
die postmoderne Konsumgesellschaft, in dessen „lebensfeindlichem Paragraphenjungle“ wir alle
auf uns allein gestellt sind und wo Kameraden sich gegenseitig fressen, wenn sie hungern. In
„Büchsenmacher & Sardinen“ entfaltet sich die geballte Evidenz der gesellschaftskritischen
Argumentation. Dort, wo der DurchschnittsMC die ihm gegebene knappe Kapazität des
Sechzehnzeilers der Glorifizierung von außerehelichem Koitus mit den Müttern der Szene widmet,
stößt uns OJ Shrimpson auf die wirklichen Probleme des 21. Jahrhunderts. Sprichwörtlich den
entscheidenden Fühler legt der Shrimp in die Wunde, wenn er etwa vom Schicksal der „Amazon
Paketsklaven“ (Surf & Turf) berichtet oder von der tristen Vereinsamung der Arbeiterklasse einer
Welt, die ihre natürlichen Ressourcen zur Produktion von „Büchsen und Sardinen“ ausbeutet und in
dem die Überwachten zum Konsumieren eingeladen werden, solange sie nach den Regeln der
Überwacher spielen. Doch der Künstler belässt es nicht bei der Negation spätkapitalistischer
Verhältnisse, er zeigt dem Publikum auch einen Way out: den Pflasterstein als ausdrucksstärkste
Waffe in den Händen der Unterdrückten und Geknechteten – an und für sich schon ein „AlltimeClassic wie ne Märklin Eisenbahn“.
Die Tragweite der Kritik an den Verhältnissen bedrückt und soll den Fokus des Hörers auf das
Wesentliche richten, etwa wenn es um das teure Gut der Denk- und Redefreiheit in unserem Land
geht: „Nur als Gedankenspiel, so lange man das noch vorbringen darf… | Ich meine, was der eine
oder andere schon begreift, ist: | Der Aluhut ist längst nicht mehr Gedankenpolizei dicht“.
Doch damit bespielt der Protagonist nur eine Taste auf der Klaviatur seiner Gesellschaftskritik.
Weiterhin prangert er den patriarchalen Alltagssexismus in einer Gesellschaft der alten, weißen
Männer an („Die Würde des Menschen unantastbar, doch die Pussy grab ich!“), oder er weist auf
die dringende Wohnungsnot im urbanen Raum hin; dort, wo die Menschen in Wohnbüchsen
zusammengepfercht und gefangen sind wie der Shrimp im Netz der Krabbenfischer Alaskas:
„Wenns genau das gleiche mit der Knete wär | ich würde sie gentrifizieren, also rausschmeißen ohne
Gegenwehr“.

Dies alles spricht der Künstler in dem Wissen, dass der kleine Mann, von seinesgleichen entfremdet
und auf sich allein gestellt den aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die „Schadstoffreste“
versprühenden Industrietürme „von BASF“ für sich selbst führen muss, ähnlich dem Kampfe gegen
Cervantes‘ Windmühlen. Dabei vermag das Individuum nicht viel in die Schlacht zu führen, gleich
eines auf dem Rücken liegenden Kappador, in der Trance der Traurigkeit zappelnd und betäubt vom
Genuss einer grünen Flasche Tanqueray.
Angesichts der Tragweite seiner Message ist es erstaunlich und ermutigend zugleich, dass der
„Archetyp des kritischen Konsumenten“ (Schlachtfest & Metzelsupp) nicht in Lethargie und
Defätismus versinkt, sondern uns mit einem Augenzwinkern in seiner Lebensphilosophie
unterweist. Ähnlich der Lehre von der kosmischen Ordnung im Taoismus, in welcher die Prinzipien
des Ying & Yang untrennbar miteinander verbunden sind, so weist auch der Shrimp darauf hin, die
Schattenseiten und dunklen Momente des irdischen Daseins mit einem Hauch Ironie und stoischer
Gelassenheit zu ertragen: „Was hat das Leben mich gelehrt? | Mit dem Hass wächst ne Freiheit. | Ich
bin der, der bei Kleinanzeigen „Was letzte Preis??!“ schreit.
Aus der schelmischen Ironie bricht sich jedoch auch an dieser Stelle wieder die Ernsthaftigkeit
Bahn. Der letzte Preis, das Niedrigste, das Billigste. Ausdruck des gegenseitigen Unterbietens im
Kampf um den Wert der Ware, Bewältigungstherapie und Mantra einer ganzen Generation. Eine
Generation, die darauf gepolt ist ihren Existenzkampf um die Brotkrumen am Tisch der Reichen
auszufechten und die dabei bewundernd zu den falschen Götzenbildern aufblickt: „Verscherbel
deinen Kram, aber damit ist kein Geld zu hol‘n! | Ich will als fetter, reicher, alter Bappsack geh‘n,
wie Helmut Kohl“.

Doch bevor der Hörer nach all diesen Widrigkeiten des Seins zum Erste-Hilfe-Kasten greift, um
seinem Dasein mit dem darin versteckten Bolzenschussgerät ein Ende zu setzen, lädt der Shrimp
dazu ein, lieber „lässig an der Flinte [zu ziehen], so wie Kurt Cobain“ (Tanqueray & 7up).
Zwinkersmiley.
Nach diesem Mischband ist eindeutig klar: Die Zukunft des Künstlers auf dem Weg zum Hip-Hop
Olymp schimmert wahrlich so hell wie das Innere des gold-glänzenden Aktenkoffers in Pulp
Fiction. Und so beschert uns der Shrimp mit seinem Mixtape ein akustisches Fünf-Sterne-Menü,
das nach dem Dessert keine Wünsche und Fragen mehr offenlässt. Außer einer vielleicht: „Ey
Shrimp, wann kommt dein Album?!